Auf meiner Rückfahrt von Berlin, wo ich Wayne Coyne von den Flaming Lips und den Songschreiber Robyn Hitchcock interviewte, bekomme ich eine SMS von einem Freund: „Du musst jetzt sehr stark sein, Kevin Ayers ist tot“. Die Nachricht verdirbt mir schlagartig die gute Laune. Ayers war einer meiner musikalischen Helden. Ohne Ayers wäre meine Welt eine andere. 
Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und ich muss einigermaßen bestürzt zur Kenntnis nehmen, dass sich die Nachrufe in den deutschen Medien äußerst knapp ausnehmen. Ich habe mich daher entschlossen, hier noch mal einen Text einzustellen, den ich schon vor etwa fünf Jahren schrieb und der zuerst in meinem Buch „Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“ erschien. Er basiert auf einem Interview, dass ich im Jahr 2007 mit Ayers führen durfte. Er wirkte damals äußerst liebenswert und – in jeder Hinsicht – gesund auf mich. Die signierte „Joy Of A Toy“-Platte steht bis heute prominent in meiner Wohnung. Gott, was habe ich die Musik von dem Mann gerne! Falls Sie sich etwas Gutes tun wollen: Hören Sie sich Ayers-Platten wie die besagte „Joy Of A Toy“, „Bananamour“ oder „Whatevershebringswesing“ an. Hier nun der alte Text – in Erinnerung an Kevin Ayers:

Meine schönste popjournalistisch bedingte Begegnung war in diesem Jahr sicherlich die mit meinem alten Helden Kevin Ayers. Kevin Ayers gehört zum erlauchten Kreis jener exzentrischen britischen Songschreiber, die mich in meiner Jugend maßgeblich prägten und in meinem Freundeskreis für entfesselten Zuspruch sorgten. Andere Beispiele für den von uns geschätzten Typus des britischen Off-Troubadours sind der Pink Floyd-Gründer Syd Barrett und Robyn Hitchcock, der das Erbe dieser Musik durch die grimmigen Tage des Punk hinein in die schultergepolsterten Achtziger und weiter trug und der auch nach fast 30 Alben nicht aufhört, seiner besonderen Perspektive auf die Dinge weltirritierte, aber vor Schönheit funkelnde Lieder abzuringen. Ich glaube, mit derart abseitigen Säulenheiligen braucht man sich im Leben nicht zu wundern, dass man sich ständig wundert. 
An Ayers mochte ich immer seine unaufgeregte Art: Er sah gut aus, trank gern guten Rotwein und sang ohne jedes Zeichen von Kraftaufwand nonchalant und zu einfachen Melodien über Bananen und sonderbare Frauen. 2007 hat er nach Jahren der musikalischen Abstinenz eine neue Platte gemacht.
Nun sind neue Alben angejahrter Musik-Veteranen ja nichts Besonderes. Man kennt das: behäbige Alterswerke, unvorteilhafte Pflichtübungen, solide Nachreichungen, Bob Dylan-Platten. Aber ein neues, selig machendes Album einer Legende, die dem ganzen albernen Musikgeschäft eigentlich längst von der Schippe gesprungen war, das kommt nicht alle Tage vor. Und dass ausgerechnet der ewige Pop-Fahnenflüchtige Kevin Ayers noch einmal in die Niederungen des hysterischen Musik-Betriebs zurückgekehrt ist, das erstaunt doch sehr. Zurückgekehrt von wo überhaupt? – Das ist es ja gerade: von überall! Aus dem südfranzösischen Exil beispielsweise, wo er es sich in der Hängematte des Rockstarruhestands eigentlich schon gemütlich gemacht hatte. Zurück auch aus der Nische der vergessenen Spätsechziger- und Frühsiebziger-Kultfiguren, denen von haschischumnebelten Liebhabern gestriger Rockmusik ungefragt immer unglaublichere ebenso gestrige Wahnsinnstaten angedichtet werden. Vor allem aber zurück aus der Depression, die ihn lange Jahre so fest im Griff hatte, dass er keine Musik mehr machen konnte. Es grenzt tatsächlich an ein Wunder, dass Ayers, inzwischen 63, nach gut 15 Jahren Album-Abstinenz überhaupt noch einmal die Kurve gekriegt hat. Dass er der Welt auch noch ein spätes, weises Meisterwerk mitgebracht hat, ist sehr freundlich von ihm.
Im Verschwinden war Ayers schon immer gut: Der Brite ist der große Verduftikus der Popgeschichte. Ein Ausbüchser und Dienst-Verweigerer, der sich, wann immer es mit seiner Karriere ernst wurde, aus Tournee- und Promotion-Pflichten stahl und in die Sonne flüchtete, wo er sich gut gehen ließ. Und ernst wurde es oft in Karriere-Fragen. Ayers, mit seinem grünen Samtjackett und der Aura eines gut gealterten Hippie-Casanovas ein unverkennbarer Sproß der Sechziger, spricht mit demselben unverkennbaren Bariton, der auch seine Singstimme wie dickflüssigen Sirup klingen lässt: „Die Leute fragen immer, warum ich vor dem Erfolg geflüchtet bin. Dabei hatte ich genau so viel Erfolg, wie ich gerade brauchte. Ich konnte immer ausdrücken, was ich fühle, das bedeutet für mich Erfolg. Aber alles, was darüber hinaus geht, brauche ich nicht. Davor bin ich geflüchtet.“ 
Es ist genau diese Leichtigkeit, die auch Ayers beste Musik auszeichnet. Als junger hübscher Drop-Out gründet er mit Robert Wyatt, Mike Ratledge und Daevid Allen 1966 die Prog-Rock-Band Soft Machine, neben Syd Barretts Pink Floyd die wichtigste britische Band jener Ära. Bald schon aber wird es Ayers bei Soft Machine zu akademisch. „Ich habe Lehrmeister immer schon gehasst. Was ich weiß, habe ich mir selbst beigebracht. Ich war damals sehr jung, und ich wusste zum Glück, dass ich gezielt Risiken eingehen musste, solange ich jung war. Ab einem gewissen Alter geht das nicht mehr. Ich wusste, dass ich Songs schreiben konnte, also stieg ich aus und nahm meine erste Solo-Platte auf. Sie hat mir damals alles bedeutet.“ Diese Platte, das exzentrische Wunderwerk „Joy Of A Toy“ von 1969, muss zum Schönsten gezählt werden, was die britische Pop-Musik der späten Sechziger hervorgebracht hat: naive, weitäugige Pop-Songs über Mädchen auf Schaukeln, seltsame Zugfahrten und eine gewisse Eleanor, die von einem Kuchen gegessen wird. Kevin Ayers’ Musik war der beinah kindliche Gegenentwurf zu allen grassierenden Prä-Prog- und Post-Psych-Exzessen; er gab der psychedelischen Musik die Kindlichkeit zurück, die ihr verloren gegangen war, nachdem Syd Barrett endgültig die Augen nach innen gedreht hatte. Statt ambitioniert die Flügel zu spreizen, veröffentlichte er lieber Singles über Schmetterlinge, den karibischen Mond und pflegte den schrulligen Brauch, auf möglichst vielen seiner Platten das Wort „Banana“ unterzubringen. „Mir soll es sehr recht sein“, sagt Ayers, „wenn man mit mir eher etwas Positives verbindet, das gefällt mir. Gerade weil es zuletzt bei mir ganz anders aussah...“.  
So erschien in den frühen Siebzigern Album auf Album voll beispielloser Leichtfüßigkeiten und Haiku-artiger Songs über Schein und Sein. Ayers Plattenfirmen aber wollten aus dem gutaussehenden Schwerenöter berechtigterweise einen Star machen. Meistens gelang es Ayers, einfach auszubüchsen. Er brach Tourneen ab oder war schlicht unauffindbar. Ab Mitte der Siebziger aber begann er nachzugeben. „Ich habe damals auf zu viele Leute gehört, entsprechend schlecht sind meine Platten ab Mitte der Siebziger dann auch geworden“, sagt er mit gerade so viel Bedauern, dass man ihm keine Gleichgültigkeit unterschieben kann. 
In den Achtzigern ging er dann in Spanien verloren, später verschlug es ihn nach Montlieu, ein kleines Dorf im Südwesten Frankreichs. Die Platten wurden immer seltener (und nicht eben besser), eine letzte erschien 1992, dann war nichts mehr zu hören. „Ich war schwer depressiv und habe lange Jahre Psychopharmaka eingenommen“, sagt Ayers und guckt kurz unsicher, als wolle er wissen, ob er mit dieser Information etwas zu ungeschützt umgeht. „Ich konnte an nichts Angenehmes mehr denken – weder an Sex, noch an Musik. Aber es musste etwas passieren, sonst hätte ich mich gleich beerdigen lassen können.“ Und es passierte etwas: ein neues Album. Geburtshelfer dieser Platte war der amerikanische Künstler Tim Shepard, der Ayers auf einer Kunstausstellung kennen lernte und Freundschaft mit ihm schloss. Erst Jahre später fand er über Dritte heraus, dass der kunstsinnige Hippie mal ein Popstar war, Ayers hielt es typischerweise für nicht weiter erwähnenswert. Als Ayers seinem Freund vor zwei Jahren ein paar neue Songs vorspielte, organisierte der kurzum die Aufnahmen der neuen Platte und trommelte unzählige musizierende Ayers-Fans (von Teenage Fanclub über Architecture in Helsinki bis hin zu Roxy Music-Gitarrist Phil Manzanera) als Backing Band zusammen. Das Ergebnis, „The Unfairground“ betitelt, ist nicht weniger als ein Wunder: eine luftige, gelassene Platte über das Altern. Das Hängematten-Gegenstück zu Dylans „Time Out Of Mind“. Gleichzeitig nebensächlich und unglaublich prägnant klingen diese Stücke, wie mit den Füßen im Sand und den Gedanken bei der Liebsten gespielt. „What do you do when it’s all behind you?“ croont er im Eröffnungssong zu munterem Mariachi-Gebläse. Fühlt er sich wohl mit seinem Alter? Ayers lacht: „Ich muss wohl. Künstlerische Arbeit hilft, auch wenn der Körper dich langsam im Stich lässt. Beantwortet das die Frage?“. Einen Brandy und viele Anekdoten später beantwortet Ayers die Frage indirekt noch einmal anders: „Weißt du, ich komme aus einem tiefen Loch, ich war so gut wie tot. Die Depression und all die fürchterlichen armseligen Live-Shows der Neunziger waren die Hölle. Zum Glück habe ich einen enormen Überlebensgeist, eine positive Seite, die stärker ist als alle Düsternis. Ich war noch nicht bereit zu sterben, und ich wollte der Welt noch einmal zeigen, was in mir steckt.“ Zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben hat Kevin Ayers seine ambitionierte Seite entdeckt. Sie hat ihm das Leben gerettet.

Nun ist Kevin Ayers also tot. Man kann sich nur mit jener Phrase trösten, die in solchen Tagen oft hervorgeholt wird: „Seine Musik wird immer weiterleben“. Das ist wohl so, der naiven Exzentrik seiner Platten kann man sich nur schwer entziehen. Danke für alles, you will be missed.


 


Comments

Paul
03/06/2013 3:21am

Hallo Eric,
schön, dass du wieder öffentlich schreibst, wenn auch noch etwas versteckt.

Gruß, Paul
(der schon auch mal anders heißt, wenn's um Robert Forster Konzerte geht)

Reply
03/12/2013 3:14pm

R.I.P. Kevin. "Joy of a toy" ist eine meiner meist gehörten Platten. Seine Musik inspiriert und begleitet mich immer wieder gern. Und wie er Marlene Dietrich mit einem Coversong würdigt, http://www.youtube.com/watch?v=4pp60h6KFc4
lässt uns jene Distanz erahnen, die er für sich gegenüber dem Rock'n Roll als Geschäftsidee reservierte, meistens jedenfalls ;-)

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