Die Beschwerden seitens meiner Leser häufen sich. Unlängst schrieb mir eine Dame, ich habe in meiner (ohnehin recht knappen) Berichterstattung über die Aufführung des Can-Albums „Ege Bamyasi“ beim Kölner Weekend-Fest im Dezember unterschlagen, ob Stephen Malkmus immer noch so gut aussehe und welche Schuhe er getragen habe. Eine durchaus berechtigte Kritik. Andere Leser wiederum sind mir gram, weil ich nur so selten etwas schreibe. Diesen Menschen möchte ich Folgendes entgegenrufen: „Sehen Sie es doch mal so: Dafür, dass das hier das Internet ist, passiert hier doch angenehm wenig“. Malkmus sieht übrigens immer noch lächerlich gut aus. Zu den Schuhen kann ich leider nichts sagen, die waren in der dritten Reihe nicht mehr zu sehen.
Apropos Internet.
Der dieser Tage zu besichtigende Dokumentarfilm „Searching For Sugar Man“ über den nach zwei ungehört geblieben Alben verschollenen Songwriter Sixto Rodriguez ist wirklich so sehenswert wie überall verlautbart wird. Selbst für Menschen, die sich weder für verschollene Songwriter im Allgemeinen, noch für Sixto Rodriguez im Speziellen interessieren. „Searching For Sugar Man“ ist die rührende Geschichte einer Abwesenheit, die vor allem darum so nahegeht, weil heute stets die totale Anwesenheit gefragt ist.
Der Film erzählt davon, wie Rodriguez’ in seiner Heimat völlig unbeachtet gebliebene Platten ihren Weg nach Südafrika fanden, um dort zu Mainstreamerfolgen zu werden – freilich ohne das Wissen des Künstlers. Bald begannen Musikfreaks und Journalisten dem Phänomen nachzuspüren: Wer war dieser Rodriguez, der sich angeblich auf offener Bühne nach einem misslungenen Auftritt das Leben genommen hatte?
Es geht um die Freude am Rätsel, den Reiz des Suchens und Stöbers, die Wonnen des Nichtwissens und Nachspürens, mithin also um Dinge, die es heute – gerade in der Kunst, gerade im Pop – nicht mehr gibt. Jetzt im Kino! http://www.youtube.com/watch?v=QL5TffdOQ7g
***
Das Jahr beginnt mit guten Nachrichten:
Graham Parker, der Mann, der dem britischen Pubrock Soul und Geist beibrachte, hat mit seiner alten Begleitband The Rumor ein neues Album gemacht (hierzulande schändlicherweise nur als Import erhältlich). Außerdem taucht er im neuen Judd-Apatow-Film in einer sogenannten cameo appearance auf. Wobei: Cameo appearances, also kurze Gastauftritte von Stars in Filmen, ja eigentlich zu ächten sind, da sie in der Regel nur von Popcorn-übersähten und hygienisch unterentwickelten Filmnerds goutiert werden. Womit ich gleich bei meiner liebsten cameo appearance der jüngeren Filmgeschichte wäre. Diese ist im diskutablen letzten Tarantino-Film „Inglorious Basterds“ zu sehen. Da stellt Diane Kruger den mit breitem amerikanischen Akzent parlierenden Brad Pitt auf einer Nazi-Filmparty als den italienischen Stuntman Enzo Gorlomi vor, was von Christoph Waltz zum Anlass genommen wird, Pitts Tarnung genüsslich auffliegen zu lassen. Während der gesamten Szene ist links von Pitt im Hintergrund ein älterer weißhaariger Herr zu sehen. Es ist Enzo Castellari, der Regisseur der italienischen Vorlage von „Inglorious Basterds“. Sein gebürtiger Name: Enzo Girolami. Herrlich.
https://www.youtube.com/watch?v=qfch94Ku0pw
***
Das Jahr beginnt gleich mit schlechten Nachrichten:
Nach einem Auftritt der Flaming Lips auf dem australischen Soundbound-Festival wurden die von zahllosen Auftritten der Band bekannten überdimensionalen Laser-Hände gestohlen, die Sänger Wayne Coyne regelmäßig zu euphorisierenden Zwecken gen Bühnendecke zu recken pflegt. Wayne Coynes Twitter-Nachricht zu dem Thema lässt auf tiefe Bestürzung schließen, liest sich zugleich aber einigermaßen amüsant: "Fuck!!!!!! Someone stole Laser Hands!!! Please please please!! At South Bound Festival !!!Fuck!! Help us!!!" So kann vermutlich nur ein Ü-50-Indierockstar klingen, der soeben seiner überdimensionalen Laser-Hände verlustig gegangen ist.
Was aber macht man mit gestohlenen überdimensionalen Laser-Händen (Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass ein Laserhände-Dieb nicht so langweilig ist, mit den gestohlenen Objekten lediglich seine Bude auszuleuchten)? Dirigiert man damit Orchester? Überfällt man Banken mit den Dingern? Wird man zu einer Lokalgröße auf ländlichen Goa-Parties? Letzteres möchte ich hiermit stark bezweifeln. Da mich Freunde wie Feinde bereits öfter schon als „Lokalgröße auf ländlichen Goa-Parties“ bezeichnet haben (was ich in aller Bescheidenheit von mir weisen muss), ist mir hier vermutlich eine gewisse Kompetenz nicht ganz abzusprechen.
Wahrscheinlich sitzt der arme Laserhände-Dieb jetzt traurig mit übergestülpten Laserhänden in seiner vermutlich mit anderem gestohlenen Quatsch-Gerät vollgestellten Freak-Behausung herum und grämt sich: Warum habe ich das getan? Warum habe ich die Laserhände meines Idols gestohlen? Wie kaputt kann man eigentlich sein? Was lief falsch – und ab wann?
Dann wird er anfangen über Wege nachzusinnen, die Dinger zurückzugeben. Aber das ist freilich gar nicht so einfach: Haben Sie schon mal versucht, gestohlene XXL-Laserhände zurückzugeben? Schließlich die errettende Idee: Der Dieb schreibt ein Drehbuch über einen Mann, der dem Sänger einer psychedelisch motivierten Rockband seine Laserhände stielt und sich bald in der Not sieht, diese zurückzugeben. Das Buch beschreibt nun den schwierigen Rückgabeprozess, in den ein schrulliger Vollbart-Freund des Laserhand-Diebs, eine gut aussehende Videothekarin (für die subplot-Liebesgeschichte) und ein grell überzeichneter Gangster (Traumbesetzung: Woody Harrelson) verwickelt sind. Er tütet das Drehbuch ein und schickt es an den „Napoleon Dynamite“-Regisseur Jared Hess. Der ist begeistert, verfilmt das Ganze, und am Schluss machen die Flaming Lips den Soundtrack zum Film, der zudem Fans von cameo appearances mit einer cameo appearance von Nick Lowe eine Freude zu bereiten versteht. Der Film bekommt bei Imdb.com ein durchschnittliches Ranking von 7,5. Wie der Typ das Problem mit der Rückgabe der Laserhände löst, weiß ich trotzdem nicht.
***
Apropos cameo appearance.
Demnächst läuft Tarantinos „Django“-Film bei uns an, in dem der Ursprungs-„Django“ Franco Nero einen Miniauftritt hat, während welchem er vom Tarantino-„Django“ (Jamie Foxx) über die korrekte Aussprache des Rollennamens aufgeklärt wird: The „D“ is silent.
Ich hatte vor einigen Jahren die Freude, Franco Nero interviewen zu dürfen. Gemeinsam mit Bud Spencer weilte Nero anlässlich der Premiere einer fürchterlichen deutschen Klamotte in Berlin. Nach dem Gespräch mit den beiden feinen Männern blieben mein guter Freund Alfred Jansen, der mich als Fotograf begleitete, und ich noch lange an der sich gleich neben dem für das Interview abgesperrten Bereich befindlichen Theke sitzen und schauten den beiden Helden des italienischen Films beim Rauchen zu. Es war ein herrlicher Abend.
Den meisten muss ich ja seither immer Bud-Spencer-Anekdoten erzählen, dabei interessierte ich mich doch viel mehr für den leidenschaftlichen Parma-Fan Franco Nero, ohne dessen Mitwirken tolle Filme wie Corbuccis „Companeros“, Damiano Damianis „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ und Elio Petris „Das verfluchte Haus“ nur halb so famos wären (Einschub: Wann benennt sich endlich eine deutsche HipHop-Band nach diesem Film „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“?) Der Gatte von Vanessa Redgrave war jedenfalls ein toller Gesprächspartner, der nicht mit herrlichen Anekdoten aus dem Reich des italienischen Genrekinos geizte. So verstand er es etwa vortrefflich, die beiden Regie-Schwergewichte Lucio Fulci und Tinto Brass zu imitieren. Am meisten rührte mich aber die Geschichte über seinen Siegelring.
Jansen war beim Betrachten des Films „Companeros“ aufgefallen, dass Nero einen auffälligen Ring am Finger führte. Wie groß aber war unser Erstaunen, als wir beim Sichten des fast vierzig Jahre später geführten Bonus-Interviews mit Nero auf der DVD denselben Ring an der Hand des großen Mimen entdeckten! Sollte Nero diesen Ring etwa seit Beginn seiner Karriere am Finger tragen und ihn auch in Filmen niemals ablegen? Weitere Nero-Filme wurden gesichtet: „Der schwarze Tag des Widders“, „Django“ natürlich, „Mercenario“ und zahlreiche weitere. Und tatsächlich: Immer wieder der Ring!
Als mein Gespräch mit Nero in Berlin vom Läuten seines Mobiltelefons unterbrochen wurde, stieß mir Jansen kurz in die Seite: „Er trägt den Ring! Frag ihn danach!“ Ich tat wie angewiesen. Nero lachte verlegen, nestelte ein wenig an dem Ring herum und begann zu erzählen.
Den Ring habe ihm seine damalige Geliebte Vanessa Redgrave 1967 kurz nach den gemeinsamen Dreharbeiten zu dem Film „Camelot“ geschenkt. Seither sei er bemüht gewesen, ihn in jeden seiner Filme hineinzuschmuggeln, als Gruß aus der realen Welt. Zu Beginn der Siebziger sei die Beziehung zu Redgrave, aus der immerhin der gemeinsame Sohn Carlo hervorgegangen war, dann in die Brüche gegangen, den Ring aber habe er weiter getragen. Im Jahr 2006 schließlich habe man sich dann erneut verliebt um am 31. Dezember desselben Jahres schließlich zu heiraten.
Schön. Schön ist auch, dass am Ende des Tarantino-Films natürlich Luis Bacalovs großartiger „Django“-Song, gesungen von Rocky Roberts, läuft. Roberts war ein in Italien beheimateter Afro-Amerikaner, der eigentlich Charles Roberts hieß, aber den Vornamen Rocky einfach fetziger fand. Zurecht! Jeder Charles sollte besser Rocky heißen. Rocky De Gaulle. Prince Rocky. Rocky Aznavour. Roberts veröffentlichte in Italien acht Alben, die – so man denn Freude an Musik hat, zu der es ordentlich aus dem engen Beat-Pullover dampft – des Hinterherjagens durchaus lohnen. Hier kann man sich davon überzeugen, dass der Mann auch als Eintänzer stets eine gute Figur machte: http://www.youtube.com/watch?v=Lk2KfI0gJNI
***
Wo ich eben schon den großen Rocky, pardon, Charles Aznavour erwähnte: Pries ich an dieser Stelle schon dessen feines Lied „Je te réchaufferai“ (deutsche Version: „Ich halte dich schon warm“), falls nicht: Es sei hiermit gepriesen. Vor allem die deutsche Version! Ein schlitzohrig-charmanter Chanson-Schlager zum Thema „Verführung zur kalten Jahreszeit“. Über Aznavours Lieder schrieb Jean Cocteau einmal, ihnen sei es gelungen, die Melancholie volkstümlich zu machen. Das ist doch mal eine Leistung – und damit meine ich sowohl das Aznavour’sche Lebenswerk als auch die Formulierung Cocteaus.
***
Im März erscheint ein neues Album der umtriebigen Gemma Ray, die hierzulande zuletzt im Vorprogramm von Kitty, Daisy & Lewis zu bewundern war. „Down Baby Babylon“ ist indes kein reguläres Werk, sondern eine weitestgehend instrumentale Platte, die bereits vor der Veröffentlichung von Rays letzter Platte aufgenommen wurde. Die kurze, aber famose Platte ist hörbar beatmet von der Musik der großen Soundtrackkomponisten der Sechziger, namentlich Morricone oder Komeda. Tatsächlich tönt die Platte über weite Teile wie die Musik zu einem Film über einen Mann, der einen Blog schreibt, in dem ein Rockmusiker vorkommt, dessen Laserhände gestohlen werden. Am Tag nachdem er den Text ins Internet gestellt hat, verschwindet der Mann spurlos. Erst Jahre später soll er erfahren, dass er in Luxemburg für seine Texte so berühmt ist wie Charles Aznavour für seine Rocky-Roberts-Gedenktänze oder Franco Nero für seine cameo appearances.
Apropos Internet.
Der dieser Tage zu besichtigende Dokumentarfilm „Searching For Sugar Man“ über den nach zwei ungehört geblieben Alben verschollenen Songwriter Sixto Rodriguez ist wirklich so sehenswert wie überall verlautbart wird. Selbst für Menschen, die sich weder für verschollene Songwriter im Allgemeinen, noch für Sixto Rodriguez im Speziellen interessieren. „Searching For Sugar Man“ ist die rührende Geschichte einer Abwesenheit, die vor allem darum so nahegeht, weil heute stets die totale Anwesenheit gefragt ist.
Der Film erzählt davon, wie Rodriguez’ in seiner Heimat völlig unbeachtet gebliebene Platten ihren Weg nach Südafrika fanden, um dort zu Mainstreamerfolgen zu werden – freilich ohne das Wissen des Künstlers. Bald begannen Musikfreaks und Journalisten dem Phänomen nachzuspüren: Wer war dieser Rodriguez, der sich angeblich auf offener Bühne nach einem misslungenen Auftritt das Leben genommen hatte?
Es geht um die Freude am Rätsel, den Reiz des Suchens und Stöbers, die Wonnen des Nichtwissens und Nachspürens, mithin also um Dinge, die es heute – gerade in der Kunst, gerade im Pop – nicht mehr gibt. Jetzt im Kino! http://www.youtube.com/watch?v=QL5TffdOQ7g
***
Das Jahr beginnt mit guten Nachrichten:
Graham Parker, der Mann, der dem britischen Pubrock Soul und Geist beibrachte, hat mit seiner alten Begleitband The Rumor ein neues Album gemacht (hierzulande schändlicherweise nur als Import erhältlich). Außerdem taucht er im neuen Judd-Apatow-Film in einer sogenannten cameo appearance auf. Wobei: Cameo appearances, also kurze Gastauftritte von Stars in Filmen, ja eigentlich zu ächten sind, da sie in der Regel nur von Popcorn-übersähten und hygienisch unterentwickelten Filmnerds goutiert werden. Womit ich gleich bei meiner liebsten cameo appearance der jüngeren Filmgeschichte wäre. Diese ist im diskutablen letzten Tarantino-Film „Inglorious Basterds“ zu sehen. Da stellt Diane Kruger den mit breitem amerikanischen Akzent parlierenden Brad Pitt auf einer Nazi-Filmparty als den italienischen Stuntman Enzo Gorlomi vor, was von Christoph Waltz zum Anlass genommen wird, Pitts Tarnung genüsslich auffliegen zu lassen. Während der gesamten Szene ist links von Pitt im Hintergrund ein älterer weißhaariger Herr zu sehen. Es ist Enzo Castellari, der Regisseur der italienischen Vorlage von „Inglorious Basterds“. Sein gebürtiger Name: Enzo Girolami. Herrlich.
https://www.youtube.com/watch?v=qfch94Ku0pw
***
Das Jahr beginnt gleich mit schlechten Nachrichten:
Nach einem Auftritt der Flaming Lips auf dem australischen Soundbound-Festival wurden die von zahllosen Auftritten der Band bekannten überdimensionalen Laser-Hände gestohlen, die Sänger Wayne Coyne regelmäßig zu euphorisierenden Zwecken gen Bühnendecke zu recken pflegt. Wayne Coynes Twitter-Nachricht zu dem Thema lässt auf tiefe Bestürzung schließen, liest sich zugleich aber einigermaßen amüsant: "Fuck!!!!!! Someone stole Laser Hands!!! Please please please!! At South Bound Festival !!!Fuck!! Help us!!!" So kann vermutlich nur ein Ü-50-Indierockstar klingen, der soeben seiner überdimensionalen Laser-Hände verlustig gegangen ist.
Was aber macht man mit gestohlenen überdimensionalen Laser-Händen (Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass ein Laserhände-Dieb nicht so langweilig ist, mit den gestohlenen Objekten lediglich seine Bude auszuleuchten)? Dirigiert man damit Orchester? Überfällt man Banken mit den Dingern? Wird man zu einer Lokalgröße auf ländlichen Goa-Parties? Letzteres möchte ich hiermit stark bezweifeln. Da mich Freunde wie Feinde bereits öfter schon als „Lokalgröße auf ländlichen Goa-Parties“ bezeichnet haben (was ich in aller Bescheidenheit von mir weisen muss), ist mir hier vermutlich eine gewisse Kompetenz nicht ganz abzusprechen.
Wahrscheinlich sitzt der arme Laserhände-Dieb jetzt traurig mit übergestülpten Laserhänden in seiner vermutlich mit anderem gestohlenen Quatsch-Gerät vollgestellten Freak-Behausung herum und grämt sich: Warum habe ich das getan? Warum habe ich die Laserhände meines Idols gestohlen? Wie kaputt kann man eigentlich sein? Was lief falsch – und ab wann?
Dann wird er anfangen über Wege nachzusinnen, die Dinger zurückzugeben. Aber das ist freilich gar nicht so einfach: Haben Sie schon mal versucht, gestohlene XXL-Laserhände zurückzugeben? Schließlich die errettende Idee: Der Dieb schreibt ein Drehbuch über einen Mann, der dem Sänger einer psychedelisch motivierten Rockband seine Laserhände stielt und sich bald in der Not sieht, diese zurückzugeben. Das Buch beschreibt nun den schwierigen Rückgabeprozess, in den ein schrulliger Vollbart-Freund des Laserhand-Diebs, eine gut aussehende Videothekarin (für die subplot-Liebesgeschichte) und ein grell überzeichneter Gangster (Traumbesetzung: Woody Harrelson) verwickelt sind. Er tütet das Drehbuch ein und schickt es an den „Napoleon Dynamite“-Regisseur Jared Hess. Der ist begeistert, verfilmt das Ganze, und am Schluss machen die Flaming Lips den Soundtrack zum Film, der zudem Fans von cameo appearances mit einer cameo appearance von Nick Lowe eine Freude zu bereiten versteht. Der Film bekommt bei Imdb.com ein durchschnittliches Ranking von 7,5. Wie der Typ das Problem mit der Rückgabe der Laserhände löst, weiß ich trotzdem nicht.
***
Apropos cameo appearance.
Demnächst läuft Tarantinos „Django“-Film bei uns an, in dem der Ursprungs-„Django“ Franco Nero einen Miniauftritt hat, während welchem er vom Tarantino-„Django“ (Jamie Foxx) über die korrekte Aussprache des Rollennamens aufgeklärt wird: The „D“ is silent.
Ich hatte vor einigen Jahren die Freude, Franco Nero interviewen zu dürfen. Gemeinsam mit Bud Spencer weilte Nero anlässlich der Premiere einer fürchterlichen deutschen Klamotte in Berlin. Nach dem Gespräch mit den beiden feinen Männern blieben mein guter Freund Alfred Jansen, der mich als Fotograf begleitete, und ich noch lange an der sich gleich neben dem für das Interview abgesperrten Bereich befindlichen Theke sitzen und schauten den beiden Helden des italienischen Films beim Rauchen zu. Es war ein herrlicher Abend.
Den meisten muss ich ja seither immer Bud-Spencer-Anekdoten erzählen, dabei interessierte ich mich doch viel mehr für den leidenschaftlichen Parma-Fan Franco Nero, ohne dessen Mitwirken tolle Filme wie Corbuccis „Companeros“, Damiano Damianis „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ und Elio Petris „Das verfluchte Haus“ nur halb so famos wären (Einschub: Wann benennt sich endlich eine deutsche HipHop-Band nach diesem Film „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“?) Der Gatte von Vanessa Redgrave war jedenfalls ein toller Gesprächspartner, der nicht mit herrlichen Anekdoten aus dem Reich des italienischen Genrekinos geizte. So verstand er es etwa vortrefflich, die beiden Regie-Schwergewichte Lucio Fulci und Tinto Brass zu imitieren. Am meisten rührte mich aber die Geschichte über seinen Siegelring.
Jansen war beim Betrachten des Films „Companeros“ aufgefallen, dass Nero einen auffälligen Ring am Finger führte. Wie groß aber war unser Erstaunen, als wir beim Sichten des fast vierzig Jahre später geführten Bonus-Interviews mit Nero auf der DVD denselben Ring an der Hand des großen Mimen entdeckten! Sollte Nero diesen Ring etwa seit Beginn seiner Karriere am Finger tragen und ihn auch in Filmen niemals ablegen? Weitere Nero-Filme wurden gesichtet: „Der schwarze Tag des Widders“, „Django“ natürlich, „Mercenario“ und zahlreiche weitere. Und tatsächlich: Immer wieder der Ring!
Als mein Gespräch mit Nero in Berlin vom Läuten seines Mobiltelefons unterbrochen wurde, stieß mir Jansen kurz in die Seite: „Er trägt den Ring! Frag ihn danach!“ Ich tat wie angewiesen. Nero lachte verlegen, nestelte ein wenig an dem Ring herum und begann zu erzählen.
Den Ring habe ihm seine damalige Geliebte Vanessa Redgrave 1967 kurz nach den gemeinsamen Dreharbeiten zu dem Film „Camelot“ geschenkt. Seither sei er bemüht gewesen, ihn in jeden seiner Filme hineinzuschmuggeln, als Gruß aus der realen Welt. Zu Beginn der Siebziger sei die Beziehung zu Redgrave, aus der immerhin der gemeinsame Sohn Carlo hervorgegangen war, dann in die Brüche gegangen, den Ring aber habe er weiter getragen. Im Jahr 2006 schließlich habe man sich dann erneut verliebt um am 31. Dezember desselben Jahres schließlich zu heiraten.
Schön. Schön ist auch, dass am Ende des Tarantino-Films natürlich Luis Bacalovs großartiger „Django“-Song, gesungen von Rocky Roberts, läuft. Roberts war ein in Italien beheimateter Afro-Amerikaner, der eigentlich Charles Roberts hieß, aber den Vornamen Rocky einfach fetziger fand. Zurecht! Jeder Charles sollte besser Rocky heißen. Rocky De Gaulle. Prince Rocky. Rocky Aznavour. Roberts veröffentlichte in Italien acht Alben, die – so man denn Freude an Musik hat, zu der es ordentlich aus dem engen Beat-Pullover dampft – des Hinterherjagens durchaus lohnen. Hier kann man sich davon überzeugen, dass der Mann auch als Eintänzer stets eine gute Figur machte: http://www.youtube.com/watch?v=Lk2KfI0gJNI
***
Wo ich eben schon den großen Rocky, pardon, Charles Aznavour erwähnte: Pries ich an dieser Stelle schon dessen feines Lied „Je te réchaufferai“ (deutsche Version: „Ich halte dich schon warm“), falls nicht: Es sei hiermit gepriesen. Vor allem die deutsche Version! Ein schlitzohrig-charmanter Chanson-Schlager zum Thema „Verführung zur kalten Jahreszeit“. Über Aznavours Lieder schrieb Jean Cocteau einmal, ihnen sei es gelungen, die Melancholie volkstümlich zu machen. Das ist doch mal eine Leistung – und damit meine ich sowohl das Aznavour’sche Lebenswerk als auch die Formulierung Cocteaus.
***
Im März erscheint ein neues Album der umtriebigen Gemma Ray, die hierzulande zuletzt im Vorprogramm von Kitty, Daisy & Lewis zu bewundern war. „Down Baby Babylon“ ist indes kein reguläres Werk, sondern eine weitestgehend instrumentale Platte, die bereits vor der Veröffentlichung von Rays letzter Platte aufgenommen wurde. Die kurze, aber famose Platte ist hörbar beatmet von der Musik der großen Soundtrackkomponisten der Sechziger, namentlich Morricone oder Komeda. Tatsächlich tönt die Platte über weite Teile wie die Musik zu einem Film über einen Mann, der einen Blog schreibt, in dem ein Rockmusiker vorkommt, dessen Laserhände gestohlen werden. Am Tag nachdem er den Text ins Internet gestellt hat, verschwindet der Mann spurlos. Erst Jahre später soll er erfahren, dass er in Luxemburg für seine Texte so berühmt ist wie Charles Aznavour für seine Rocky-Roberts-Gedenktänze oder Franco Nero für seine cameo appearances.
RSS Feed