So was: Als ich eben vor der Stereoanlage Platz genommen hatte, um in aller Ruhe meine frisch erstandene Jennifer-Rush-Outtake-Sammlung zu durchlauschen, fiel mir plötzlich beim Stopfen der Meerschaumpfeife vor Schreck der Monokel in die Buchstabensuppe! Nach Tagen des ergebnislosen Herummeditierens war mir endlich eingefallen, was in diesem Dezember über all dem heiligen Bimbam und Klingeling unerledigt geblieben war. Ich hatte die Tiere in die Stallungen getrieben, den Bach begradigt und meinem Sohn Hieronymos wiederholt die Weihnachtsgeschichte vorgetanzt, aber es war mir doch tatsächlich vollkommen durchgerutscht, meine Jahresalben aufzulisten. Zumindest hier im Pop-Tagebuch. Andernorts hatte ich meine liebsten Platten freilich bereits eingereicht. Doch das zählte nicht so richtig. Schließlich ist es so eine Sache mit Jahresbestenlisten: Zu den schlimmsten Nebeneffekten des hauptberuflichen Schreibens über Musik zählt der Umstand, dass man von Auftraggebern bereits nach den besten, schönsten, schnellsten Alben des Jahres gefragt wird, derweil draußen noch die Maienblüten knospen. Nun gut, zumindest wird man viel zu früh gefragt. Das ist verständlich, da redaktionsschlussbedingt; doof bleibt es trotzdem. Noch schlimmer ist es eigentlich nur, Popmusiker zu sein und bereits im April ein Weihnachtsalbum aufnehmen zu müssen. Deshalb nehme ich auch keine Weihnachtsalben auf.
Wie dem auch sei. Hier sind sie nun doch noch, kurz vor Jahresende: meine Lieblingsalben des Jahres 2012. Die letzte Liste.


Bill Fay – Life Is People
2012 war auch das Jahr der alten Männer. Dylan, Cohen, Neil Young, Hannes Wader, Scott Walker, Dr. John, Loudon Wainwright III, Klaus Hoffmann, Hans Süper und eben Bill Fay. Über vierzig Jahre nach seinem letzten Album erschien mit „Life Is People“ ein spätes Spätwerk. Höhepunkte der ergreifenden Liedsammlung: „The Never Ending Happening“ und ein großes Stück Trostmusik namens „The Healing Game“. Nur das Duett mit Jeff Tweedy geriet dem Sonderling seltsam seicht.

The Monochrome Set – Platinum Coils
Das Comeback der besten vergessenen britischen Indie-Band der Achtziger. Und alles ist wieder da: Nouvelle Vague trifft Psychedelia, Schrammel trifft Dandytum, Monty Python und The Smiths gehen miteinander Kaftans für den 5-Uhr-Tee kaufen. Egal, ob Sie diese Platte oder ein Achtziger-Werk der Band kaufen: Es ist nie zu spät, The Monochrome Set zu entdecken. Jetzt müssen nur noch The Jazz Butcher und The Chrysanthemums zurückkehren.

The Wave Pictures – Long Black Cars
Britanniens Antwort auf die Modern Lovers, Herman Düne und die Violent Femmes mit einem weiteren sehr guten Album. Wie hier auf kleinstem Raum Dynamik herausgespielt wird, ist ein großes Vergnügen! Höhepunkt: „Stay Here And Take Care Of The Chicken“. 

Loudon Wainwright III – Older Than My Old Man Now
Diese Wainwrights: schlimmer als die Familien in den Wes Anderson-Filmen! Mein Favorit ist immer noch der Alte, auch wenn Martha und Rufus in 2012 schöne Platten gemacht haben. Vor allem „In C“ hat mir komplett die Schuhe ausgezogen!

Fehlfarben – Xenophonie
Peter Hein ist immer eine gute Sache. Als ich ihn im Februar fragte, wie er eigentlich damals in den Achtzigern zum Auftritt der Band für Afrika („Nackt im Wind“) auf der Domplatte gekommen sei, lautete seine lapidare Antwort: „Telefon“. Als Anspieltipp auf dieser guten Platte voll mit propellerndem Opa-Punk sei „Hygieneporzellan“ empfohlen. 

Tender Trap – Ten Songs About Girls
Indie-Schrammel mit niedlichem Mädchengesang. Gäbe es in dieser Stadt eine Disco, die dieses Zeug spielt, hätte ich ein Stehplatzabonnement. Lange nicht so guten Twee-Pop gehört. Verhuschte Hits ohne Unterlass. Ein Songs heißt „MBV“.

Two Gallants – The Bloom and the Blight
Bestes klassisches Indierock-Album des Jahres. Punkt.

Can – The Lost Tapes
Die Helden meiner Adoleszenz mit bislang ungehörtem – und gelinde gesagt: sehr hörenswertem – Material. Es gab Zeiten in den Neunzigern, da hörten meine beiden besten Freunde und ich nichts anderes als Can. Es war eine Art monothematischer Bewusstseinsausstülpung. Nichts hielt dem unfasslichen Maschinenbeats Jaki Liebezeits, der schmierigen Fuzz-Gitarre Michael Karolis, Czukays Hypno-Bass und Irmin Schmidts Freiflug-Georgel stand. Haben wir es übertrieben? Ja. Aber es gibt nichts zu bereuen. Noch heute höre ich Track-Musik stets mit großem Misstrauen, gibt es doch kaum etwas, was an das Wirken dieser besten deutschen Band aller Zeiten heranreicht. Jaki Liebezeit ist heute mein Nachbar, ich sehe ihn oft beim Einkaufen. Irgendwann sage ich ihm, was seine Musik für mich bedeutet. 

The Fling – When The Madhouses Appear
California Rock. Nichts für Menschen mit unbegründetem Fimmel für „interessante Musik“. Mir hat dieses Album mit seinem konservativen Mix aus Big Star, Westcoast und The Thrills sehr gut gefallen. Im Video zur Single werden alle Bandmitglieder von einer rätselhaften barfüßigen Dame dahingemeuchelt.

Hans Süper – Kölsche Jung
The Man! Als ich ein Kind war, wirkten die Auftritte des Colonia Duett bei den Kölner Karnevalssitzungen geradezu bewusstseinserweiternd. Inzwischen ist Süper Mitte Siebzig und, wie sich das für ein betagtes Kölner Original gehört, deutlich sentimentaler. Sein Johnny-Cash-Kölsch-Recordings-Album ist es zwar nicht ganz geworden, aber immerhin fast. Höhepunkte sind die essentielle Version von „Ich bin ene Kölsche Jung“ und „Mir zwei mir künnte Frau han“, ein Duett mit Wolfgang Niedecken.

Tom Liwa – Goldrausch
Tom Liwa zum Ersten. Eine ganz große Songwriterplatte von manchmal fast unangenehmer Intimität. Ich bin ja kein Ukulelen-Fan, aber die Lieder, die Liwa seinem Instrument hier entlockt, sind berührender als die meisten anderen Songwriter-Sachen, die ich in diesem Jahr gehört habe.

Flowerpornoes – Ich Liebe Menschen Wie Ihr
Liwa zum Zweiten. Der Gegenentwurf zur Solo-Platte: Ein pralles, psychedelisches Bandwerk zwischen Gong und den Go-Betweens. Mein zweitliebstes Album 2012 – trotz oder gerade wegen fortgeschrittener Hippiehaftigkeit.

Erdmöbel – Fräulein Frost
Kein Album. Ein Youtube-only-Release. Das diesjährige Winterlied der Kölner Burt Bacharachs. 

Chuck Prophet – Temple Beautiful
Mein definitives Lieblingsalbum 2012. Klassischer Songwriter-Rock zwischen Petty, Dylan, den Stones und Springsteen, aber so inspiriert und funkensprühend dargereicht, dass man geneigt ist, das Haus nicht mehr ohne umgehängte Telecaster verlassen zu wollen.

Locas in Love – Nein!
Das überzeugendste „Nein!“ des Jahres.

Kofelgschroa – Kofelgschroa
Meine zweitliebsten Debütanten 2012. Stubenmusik trifft Kraut trifft totale Unverfrorenheit. Die vier Oberammergauer müssen ganz dringend endlich in meiner Heimatstadt konzertieren.

Bob Dylan – Tempest
Amerikanischer Singer/Songwriter. Talentierter Vogel. Sollte man im Auge behalten.

Leonard Cohen – Old Ideas
Dass Onkel Lennie noch mal soviel gutes Material zusammengekratzt bekommt, hätte ich nicht gedacht. Alleine für „Going Home“  könnte ich ihm täglich einen Altar errichten.

Dirty Three – Toward The Low Sun
Mal wieder ausgesprochen faszinierendes Gebrodel der alten Grimmlinge. Die Schmutzfinken spielen Soundtracks zu nie gedrehten Western, in denen ein depressiver Eisbär eine texanische Grenzstadt in Angst und Schrecken versetzt und Jazz-Imitationen aus Jimjarmuschhausen. Ganz toll!

Der Nino aus Wien – Bulbureal
Junger Songschreiber aus Wien. Irgendwo zwischen Wolfgang Ambros und Ja, Panik. Und wie die beiden Genannten natürlich schwer von Dylan beatmet. Hätte sich Tom Liwa nicht so lautstark zurückgemeldet, wäre dies hier mein liebstes deutschsprachiges Album 2012 gewesen.

Tim Burgess – Oh No I Love You
Der Charlatans-Sänger lässt sich von Lambchops Kurt Wagner produzieren: Heraus kommt schönster Songwriter-Soul-Pop.

Lambchop – Mr. M.
Speaking of Lambchop: Kurt Wagner und sein Leisetreter-Verein lieferten bereits zu Jahresbeginn diese schöne Trauerkloß-Platte ab. Das Konzert in der Kölner Kulturkirche zählt zum Erhebendsten, was ich in diesem Jahr erleben durfte. Ich sprach allerdings auch mit Menschen, die der Meinung waren, das Konzert sei ein guter Anlass gewesen, um mal wieder sein E-Mail-Postfach durchzuputzen. Banausen! 

Tindersticks – The Something Rain
Speaking of „mal wieder sein E-Mail-Postfach durchputzen“: Auch beim Liveauftritt der Tindersticks fiel mancher dem Ennui anheim. Nicht so Ihr ergebener Autor. Der stand glimmenden Auges vor der Bühne und labte sich an den lodernden Klängen dieser Band. „Lodene Klänge?“
Nein, verdammt, LODERND.

Cody ChestnuTT – Landing On A Hundred
Ich weiß, ich sollte jetzt über Cody ChestnuTT schreiben, aber mir fällt gerade ein, dass bei den Tindersticks inzwischen der Robyn-Hitchcock-Sidemen Terry Edwards das Blechgebläse bedient. Eben dieser Terry Edwards, so behauptete ein Freund, sei während des Kölner Tindersticks-Konzerts zwischen zwei Einsätzen von der Bühne gerannt, um sich zu übergeben. Und da behaupte noch einer, bei dieser Band ginge es allzu gediegen zu! Toll jedenfalls, dass Cody ChestnuTT nach fast zehn Jahren endlich ein zweites Album gemacht hat. Soul-Platte des Jahres!

Bobby Womack – The Bravest Man In The Universe
Gleich dahinter kommt dann aber auch schon Bobby Womack, der uns nach überstandener schwerer Krankheit dieses atmosphärische Werk bescherte. 

Dexy’s – One Day I’m Going To Soar
Oder stammt das beste Soul-Album 2012 doch von den Dexy’s? Ich bin ja gar kein Fan von Ranglisten. „Kunst kennt keine Ranglisten“, schrieb ich mal vor Jahren und schreibe das hier an dieser Stelle gerne von mir selbst ab. So oder so oder so: Dies hier ist eines der prallsten und süffigsten Alben, die in diesem Jahr erschienen sind. Kevin Rowland gibt alles in diesen Liedern – und es ist nie zu viel: That’s Soul! Toller Proberaum-Sound auch.

Avett Brothers – The Carpenter
Keine Platte habe ich in diesem Jahr so oft gehört wie diese. Was auch immer das heißt. Vermutlich das 2012er-Lieblingsalbum meiner Tochter. Methodisten-Americana für Menschen mit Zyniker-Verdruss.

Iris Dement – Sings The Delta
Hui, sind das viele Alben. Egal. Iris Dement singt das ganze Delta auf diesem Album, und das ist keineswegs übertrieben. Rustikale Lieder der großen Autorin und Sängerin, und wer auf die Texte hört, wird zusätzlich belohnt.

Edward Sharpe & The Magnetic Zeros – Here
Manchmal will ich mir einfach nur den Bart wachsen lassen und dazu mit dem Schellenkranz durch die Wohnung tanzen. In solchen Fällen empfiehlt sich diese Hippie-Pop-Platte als Soundtrack.

Jason Collett – Reckon
Jason Collett ist einer meiner ewigen Lieblingssongschreiber. Tatsächlich ist er eine der besten Referenzen für das, was ich selbst im kommenden Jahr zu veröffentlichen gedenke. Diesmal hat ihn der Zorn gepackt: In Liedern wie „I Wanna Rob A Bank“ oder „Don’t Let The Truth Get To You“ geht es um Menschen, die dem Zerbröckeln ihrer kleinen Welt vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Krisen zuschauen. Occupy goes Songwriter.

Dirty Projectors – Swing Lo Magellan
Ich bin ja kein allzu großer Fan von jenem Genre, das ich als „interessante Musik aus Brooklyn“ zu bezeichnen pflege. Grizzly Bear ist mir zu ernsthaft und von Animal Collective kriege ich Kopfweh (Panda Bear solo allerdings ist toll!). Die Dirty Projectors aber sind zu loben. „Swing Lo Magellan“ ist das beste „Interessante Musik aus Brooklyn“-Album 2012. Bowie spielt Progrock im unbewachten Worldmusic-Resort. 

Chris Robinson Brotherhood – The Magic Door
Wahrscheinlich das Gegenteil der Dirty Projectors. Der Black-Crowes-Vortänzer spielt auch mit seiner Brotherhood Samtschlaghosenrock oberster Kanüle. Sehr gute Platte.

Buddy Miller & Jim Lauderdale – Buddy & Jim 
Noch konservativer. Die beiden Veteranen spielen schwoofige Barbecue-Musik. Eine der besten Americana-Platten des Jahres.

Chris Smither – Hundred Dollar Valentine
Wo wir schon bei Spitzenplatten alter Männer sind, darf diese hier nicht fehlen. Der fast vergessene Auskenner-Songschmied Chris Smither spielt auf diesem weithin übersehenen Comebackalbum wieder herrlich staubigen Akustikblues und Country-Folk. Die melancholische, womöglich gar, existenzialistische Ergänzung zum Miller/Lauderdale-Werk.

Ty Segall/White Fence – Hair
Sind Sie noch da? Oder waren es Ihnen schon der Alben zu viele? Das wäre schade, denn diese hier könnte Ihnen weiß Gott die Fontanelle zum Platzen bringen: Die beiden Sixties-informierten Wir-bringen-zehn-Alben-pro-Jahr-raus-Angeber Ty Segall und Tim Presley aka White Fence spielen auf ihrem gemeinsamen Werk irren Mid-Fi-Psych-Rock zwischen Syd Barrett, Guided By Voices und Oxonic Oblymovs of Rimshabalaya. Letztere Band gilt es freilich erst noch zu gründen, aber darum kümmere ich mich schon.

Hannes Wader – Nah dran
Spätestens die äußerst empfehlenswerte und hier bereits besprochene Wecker/Wader-Doku hat mich für den Mann eingenommen. Dass er aber kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag mit einem seiner besten Alben seit Ewigkeiten um die Ecke kommen würde, hatte ich nicht erwartet. Mit Lebensweisheit war ja zu rechnen, aber dass der Autor von ewigen Lieblingsliedern wie „Das Bier in dieser Kneipe“ und „Viel zu schade für mich“ noch über soviel Humor verfügt, hat mich überrascht.

Django Django – same
Beste neue Band 2012, wenngleich angeführt sei, dass ich die erste Single von Django Django bereits 2010 im Pop-Tagebuch empfahl. 

Dr. John – Locked Down
Ein spätes Karrierehoch für John Rebennack Jr. Ausgerechnet Dan Auerbach, dessen letztes (von Danger Mouse erschreckend platt produziertes) Album mit den Black Keys mich sehr enttäuscht hat, verhalf dem Night Tripper zu diesem saftigen Sound. Lief ununterbrochen auf der Dachterrasse. 

James Levy & The Blood Red Rose – Pray To Be Free
Das Lee-Hazlewood-Nancy-Sinatra-Soundalike-Album des Jahres. Nächstes Jahr kommen dann Adam Green und die wunderbare Binki Shapiro.

Womit wir dann auch schon bei den Schatten wären, die das Jahr 2013 bereits unter die Augen wirft. Neben Adam und Binki veröffentlichen I Am Kloot, mein Held Robyn Hitchcock, die grandiose Caitlin Rose und Hans-Eckart Wenzel im ersten Jahresdrittel neue Alben. Die Avett Brothers und Crazy Horse kommen auch auf Tour. Vielleicht tritt ja sogar Joachim Gauck zurück. Mal schauen. 



 


Comments

Stefan
01/09/2013 5:17am

Ja Wunderbar!
Her Pfeil schreibt weiter - aus reiner Sentimentalität die FAZ-Seite mit den Kommentaren noch mal aufgerufen (bisher noch nicht getraut, den Link darauf in den bookmarks zu löschen) und dann der Hinweis auf den neuen Blog.

Vielen Dank!

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