Gar keine Frage: Der gestenfreudige Mann in dem wohlsitzenden Anzug, der soeben Anstalten macht, das Mikrofon zu verschlucken, war in seinem früheren Leben James-Brown-Imitator. Nein, falsch, war er nicht. Er war Sänger bei The Make-Up und Nation Of Ulysses. Ian Svenonius heißt er und es gelingt ihm innerhalb kürzester Zeit, das Publikum des zweiten Kölner Weekend-Fests mit seiner Garagensoul-Predigerei in seinen Bann zu ziehen. Seit einigen Jahren firmiert Svenonius unter dem Moniker Chain & The Gang. Doch so brillant er als attitüdenstarkes Bühnentier auch ist – Chain & The Gang wären nur halb so gut, wäre da nicht die neue Sängerin Katie Alice Greer, deren Fanclub ich hiermit lautstark beitreten möchte: Lange habe ich keinen Menschen mehr erlebt, der sich so cool und selbstbewusst auf einer Bühne zu bewegen vermochte.
Es ist der dritte Abend des Weekend-Fests, und meine Gesundheit zeigt bereits arge Anzeichen von Zerbröckelung. Aber es gilt ja noch, Hamburgs Antwort auf Musik, die Goldenen Zitronen, zu bestaunen. Deren Auftritt um viertel vor elf demonstriert dann, wie die besseren Krautrockbands eventuell geklungen hätten, wenn man ihnen die Haschpfeifen weggenommen hätte. Zwischendurch wird munter gegen den Sponsor der Veranstaltung, die Kölner Kuschelmentalität, aber auch gegen das eigene künstlerische Wirken gestänkert.
Ich habe ja große Sympathien für alternde Spielverderber, die sich mit dem sich virenartig ausbreitenden Ruf nach mehr Gelassenheit nicht so recht anfreunden mögen. Die Zitronen zünden also die Yoga-Matte an, spucken in die Wellnesssuppe und tun im Zuge ihrer als Konzert getarnten Kunstperformanz sehr gekonnt so, als wüssten sie nicht, was sie tun. Man sei noch ein wenig auf der Suche nach der rechten Haltung an diesem Abend, informiert Schorsch Kamerun das Publikum. Bald aber ist man fündig geworden: „Elektrofuzzis mit Rockgitarre – das isses!“, ruft er begeistert.
Ein Freund schlägt vor, in die erste Reihe zu gehen und dort laut „Porsche Genscher Hallo HSV“ zu skandieren, um sich ein gepflegtes Backpfeifenkonzert abzuholen. Mir fällt ein, dass ich die Zitronen schon etwa 1988 im Kölner Luxor sah. Schon damals gab man sich konfrontationsfreudig. So wurde etwa ein Fan, der die Bühne enterte, von Schorsch Kamerun wie folgt angesprochen:
Kamerun: „Wie heißt du?“
Fan: „Karsten.“
Kamerun: „Karsten, du siehst scheiße aus.“
Auch ich lernte damals, was es heißt, in unangebrachter Klamotte in den falschen Zirkeln aufzutauchen, als mich nach dem Konzert wütende Zitronen-Anhänger als „Hippie“ beschimpften. Ich glaube, die Zitronen-Fans hatten Recht.
***
Erdmöbel, die nachweislich besten Möbel der Stadt, sind ihrem Prinzip, in der Vorweihnachtszeit einen Song mit saisonalem Bezug zu veröffentlichen,auch in diesem Jahr treu geblieben. „Fräulein Frost“ heißt das schöne Stück, das es schafft, bei einer Laufzeit von nicht einmal drei Minuten zu klingen, als hätte Burt Bacharach ein Bob-Dylan-Outtake arrangiert. Beim Betrachten des dazugehörigen Videos muss selbst optimal durchbluteten Zeitgenossen schlagartig kalt werden. Ich linke mal: http://www.youtube.com/watch?v=kDuUE5lvoM8
***
Besuch im Gebrauchtplattenladen ums Eck.
Den lakonischen Besitzer des gutsortierten Geschäfts habe ich spätestens an jenem Tag ins Herz geschlossen, als ich just in dem Moment den kleinen Store betrat, da er einer Kundin irgendeine Liedermacherplatte der späten Sechziger mit der Bemerkung empfahl, das sei „angenehm depressives Zeug“.
Bei meinem diesmaligen Besuch klingelt inmitten der Zahlungsabwicklung das Telefon. Der Besitzer entschuldigt sich und hebt ab.
„Hallo? ... ... Hallo? ... Aufgelegt. Wahrscheinlich wieder ne eifersüchtige Ehefrau, die alle unbekannten Nummern, die ihr Mann dauernd anruft, durchtelefoniert.“
***
In popkulturell geprägten Jahresbilanzen wird man ja gerne nach der „Enttäuschung“ oder dem „Tiefpunkt“ des jeweiligen Jahres gefragt: Mein „Tiefpunkt 2012“ ist die Einstellung des Word Magazines. Nichts gegen Blätter wie Mojo oder Uncut – beides sind sehr gute, achtbare Hefte, die kräftig an der Historisierung der Popmusik mitwirken. Word aber war mehr: Hier wurden tatsächlich Fässer aufgemacht, Debatten angeregt und ausgefochten und Zusammenhänge hergestellt. Das Beste aber: Ich habe nicht einen Artikel im Word Magazine gelesen, der nach Promozwang klang. Ich hoffe, die beiden federführenden Macher des Blattes, David Hepworth und Mark Ellen (ehedem Moderator des Old Grey Whistle Test sowie der britischen Live-Aid-Veranstaltung), lassen bald andernorts wieder von sich hören.
Randnotiz: Mark Ellen wird in dem Robyn-Hitchcock-Song „Clean Steve“ genamecheckt: „I called up Mark Ellen, but he wasn’t really in / Instead I talked to his wife Claire about some gig she’d seen“. Allen hatte auch mal eine Band, in der Tony Blair Gitarre spielte. Das können gottlob nicht allzu viele Briten von sich behaupten.
***
Wo schreiben Songwriter ihre Stücke?
Nun, da fasst man sich am besten vor der eigenen Haustür an die Nase. Beziehungsweise: dahinter. Ich habe mein der Welt noch vorzulegendes Werk daheim komponiert. Das machen wohl die meisten Musiker so. Keinesfalls jedoch alle. Nick Cave, so ist zu hören, hat ein Büro, das er allmorgendlich aufsucht, um dort während festgelegter Zeiten zu wirken. Ich fand diese Information zunächst irritierend, nahm ich doch an, der einstige Schmerzensmann wälzte sich stets vor jeder Komposition in eigens abgefackelter Höllenglut, aber nein, er hat tatsächlich ein Büro mit darin herumstehendem Flügel. Die Brill-Building-Komponisten haben ja auch in Büros gearbeitet – und, mon dieu, was haben die da zusammenkomponiert!
Michael Stipe, so erfuhr ich mal, muss immer gleich um die halbe Welt fliegen, um in Stimmung zu kommen. Das finde ich einigermaßen prätentiös.
Gestern nun erzählte mir Tom Liwa von den Flowerpornoes beiläufig beim Autofahren, dass er das schöne neue Stück „Chinese Inca“ in eben jenem Auto komponiert habe. Liwas Auto, das sei hier eingeschoben, ist eines von jenen Gefährten, die den Eindruck erwecken, der Fahrer verbrächte hier sein halbes Leben. Es ist ein bewohntes Auto. Und da Liwa zuletzt häufig eine Ukulele anstelle einer langhalsigen Gitarre zum Schreiben seiner Songs verwendete, lässt sich das Im-Auto-Komponieren sogar recht kommod bewerkstelligen. Wer weiß: Vielleicht bekomme ich ja zu Weihnachten soviel Zeit geschenkt, dass ich eine Compilation titels „Musik, die im Auto komponiert wurde“ zusammenstelle. Vielleicht mache ich aber auch etwas anderes mit der Zeit: eine Band mit Tony Blair gründen vielleicht. Oder das DVD-Boxset von „Ich heirate eine Familie“ gucken.
***
In der Galerie Lafayette in Paris springt mir ein großes Werbeplakat für ein Modelabel ins Auge, das einen gutaussehenden Mann in edlem Dreiteiler zeigt. „Nanü“, denke ich, „Rupert Everett wird zwar nicht älter, dafür aber immer bärtiger“. Erst beim zweiten Hinschauen erkenne ich, wer dort wirklich Klamottenwerbung macht: Es ist der Freak-Folk-Papagallo Devendra Banhart, der sich offenbar vom Musizieren aufs Modeln verlegt hat.
Sofort fällt mir wieder das Interview aus „Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“ ein, das ich vor fünf Jahren mit dem Mann führte und das selbst meine kurze Begegnung mit Helmut Berger an Seltsamkeit in den Schatten stellt. Banhart, der damals noch über einen wallenden Bart gebot, saß mir während des gesamten Gesprächs im Yoga-Sitz gegenüber. Er trug rote Samt-Ballerinas und stopfte sich unentwegt Kautabak in den Mund. Im Interview sagte er überlieferungswürdige Sachen wie die Folgende: „Es gibt in Indien Sadhus, asketisch lebende Hindu-Mönche, die ihren eigenen Dickdarm ausscheißen und im Fluss waschen können. Ich wiederum habe eine ähnliche Technik gelernt: Ich kann meinen Schwanz fast so weit in mich hineinziehen, dass er zu so etwas wie einem Bauchnabel wird. Wenn ich diese Technik anwende, ist das fast, als hätte ich eine Vagina. Ich kann also vom physischen Standpunkt her sowieso schon mal einer Frau sehr ähnlich werden. Das Maskulinste an mir ist dieser Bart hier, er ist das einzige Männliche, über das ich verfüge. Ich habe keine weibliche Seite – ich bin weiblich, und ich habe diesen Bart.“
Wenn da der Gender-Clown nicht im Achteck tanzt ...
***
Er hasse Western, verkündete der italienische Regisseur Sergio Corbucci („Django“) Ende der Sechziger auf dem Set seines Films „Il Grande Silenzio“ (deutscher Verleihtitel: „Leichen pflastern seinen Weg“). Aha, so so, was er denn als nächstes drehen wolle, beeilte sich sein Interviewer zu fragen. Corbucci dachte nicht lange nach: „Einen Western“.
„Il Grande Silenzio“, dieser unfassliche zynische Schneewestern mit einer der schönsten Musiken Ennio Morricones ist einer meiner ewigen Lieblingsfilme. Die Kölner Band Locas In Love lässt das Werk, in dem sich Jean-Luis Trintignant als stummer Held und Klaus Kinski als Bounty Killer gegenüberstehen, bei ihrem traditionellen Weihnachtskonzert im Kölner Stadtgarten auf den Bühnenhintergrund projizieren. Ich möchte es so sagen: Es gibt nicht viele Bands, die vor dem Hintergrund dieser Lawine von einem Film spielen können, ohne dass ich unentwegt auf den Film achte. Die Locas können es. An einigen Stellen kommt es zu schönen zufälligen Korrespondenzen zwischen Musik und Film, etwa wenn Björn Sonnenberg beim Song „Zum Beispiel ein Unfall“ erstmals die titelgebende Zeile singt und Klaus Kinski im Hintergrund Jean-Luis Trintignant just im selben Moment mit Schmackes aufs Maul haut. Als die Locas In Love einen ihrer schönsten Songs „Egal wie weit“ spielen, rotten sich im Filmschnee grad die Bösen und die Halbguten zum großen Showdown zusammen.
Erstaunlich übrigens, dass es den Locas gelingt, Text-Band und Noise-Band in einem zu sein. Was ein Problem darstellen könnte – der immer wieder in die bald kämpferischen, bald zermürbten Textgebilde hereinbrechende Krach – ist tatsächlich gerade das Tolle an der Band. Auch Björn Sonnenbergs Bühnenpersona – irgendwo zwischen verbindlichem Jung-Dozent und irrem Fuchtel-Prediger – ist überzeugend: Sollte sich der Mann eines Tages entschließen, eine Sekte zu gründen, werde ich ihm bereitwillig in wallendem Gewand hinterhertanzen.
Natürlich siegt am Ende von „Il Grande Silenzio“ das Böse. Der gemütslinke Corbucci konnte das im Jahr 1968 nicht anders inszenieren. „Leichen pflastern seinen Weg“ ist übrigens auch ein Lieblingsfilm Helge Schneiders, der gerade in Mülheim mit Rocko Schamoni dreht.
***
Eben ist es wieder passiert.
In der Absicht, mir das Weihnachtsalbum von Unheilig zum Wegwerfen zu kaufen, überquerte ich gerade den Platz vor meiner Stadtwohnung, als rüde Rabauken mich lauthals als „Hippie“ beschimpften. Noch bevor ich darlegen konnte, dass es sich zweifellos um ein Missverständnis handelte, hatten sie mir auch schon das Peace-Amulett weggenommen und einen Ärmel meines Paisley-Hemdes abgerissen. Gerade als sie mich zwingen wollten, meinen Kaftan aufzuessen, gelang es mir zu entkommen. Nun bin ich auf der Flucht. War ja klar, dass wieder etwas Blödes passiert. Sie hören von mir ...
Es ist der dritte Abend des Weekend-Fests, und meine Gesundheit zeigt bereits arge Anzeichen von Zerbröckelung. Aber es gilt ja noch, Hamburgs Antwort auf Musik, die Goldenen Zitronen, zu bestaunen. Deren Auftritt um viertel vor elf demonstriert dann, wie die besseren Krautrockbands eventuell geklungen hätten, wenn man ihnen die Haschpfeifen weggenommen hätte. Zwischendurch wird munter gegen den Sponsor der Veranstaltung, die Kölner Kuschelmentalität, aber auch gegen das eigene künstlerische Wirken gestänkert.
Ich habe ja große Sympathien für alternde Spielverderber, die sich mit dem sich virenartig ausbreitenden Ruf nach mehr Gelassenheit nicht so recht anfreunden mögen. Die Zitronen zünden also die Yoga-Matte an, spucken in die Wellnesssuppe und tun im Zuge ihrer als Konzert getarnten Kunstperformanz sehr gekonnt so, als wüssten sie nicht, was sie tun. Man sei noch ein wenig auf der Suche nach der rechten Haltung an diesem Abend, informiert Schorsch Kamerun das Publikum. Bald aber ist man fündig geworden: „Elektrofuzzis mit Rockgitarre – das isses!“, ruft er begeistert.
Ein Freund schlägt vor, in die erste Reihe zu gehen und dort laut „Porsche Genscher Hallo HSV“ zu skandieren, um sich ein gepflegtes Backpfeifenkonzert abzuholen. Mir fällt ein, dass ich die Zitronen schon etwa 1988 im Kölner Luxor sah. Schon damals gab man sich konfrontationsfreudig. So wurde etwa ein Fan, der die Bühne enterte, von Schorsch Kamerun wie folgt angesprochen:
Kamerun: „Wie heißt du?“
Fan: „Karsten.“
Kamerun: „Karsten, du siehst scheiße aus.“
Auch ich lernte damals, was es heißt, in unangebrachter Klamotte in den falschen Zirkeln aufzutauchen, als mich nach dem Konzert wütende Zitronen-Anhänger als „Hippie“ beschimpften. Ich glaube, die Zitronen-Fans hatten Recht.
***
Erdmöbel, die nachweislich besten Möbel der Stadt, sind ihrem Prinzip, in der Vorweihnachtszeit einen Song mit saisonalem Bezug zu veröffentlichen,auch in diesem Jahr treu geblieben. „Fräulein Frost“ heißt das schöne Stück, das es schafft, bei einer Laufzeit von nicht einmal drei Minuten zu klingen, als hätte Burt Bacharach ein Bob-Dylan-Outtake arrangiert. Beim Betrachten des dazugehörigen Videos muss selbst optimal durchbluteten Zeitgenossen schlagartig kalt werden. Ich linke mal: http://www.youtube.com/watch?v=kDuUE5lvoM8
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Besuch im Gebrauchtplattenladen ums Eck.
Den lakonischen Besitzer des gutsortierten Geschäfts habe ich spätestens an jenem Tag ins Herz geschlossen, als ich just in dem Moment den kleinen Store betrat, da er einer Kundin irgendeine Liedermacherplatte der späten Sechziger mit der Bemerkung empfahl, das sei „angenehm depressives Zeug“.
Bei meinem diesmaligen Besuch klingelt inmitten der Zahlungsabwicklung das Telefon. Der Besitzer entschuldigt sich und hebt ab.
„Hallo? ... ... Hallo? ... Aufgelegt. Wahrscheinlich wieder ne eifersüchtige Ehefrau, die alle unbekannten Nummern, die ihr Mann dauernd anruft, durchtelefoniert.“
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In popkulturell geprägten Jahresbilanzen wird man ja gerne nach der „Enttäuschung“ oder dem „Tiefpunkt“ des jeweiligen Jahres gefragt: Mein „Tiefpunkt 2012“ ist die Einstellung des Word Magazines. Nichts gegen Blätter wie Mojo oder Uncut – beides sind sehr gute, achtbare Hefte, die kräftig an der Historisierung der Popmusik mitwirken. Word aber war mehr: Hier wurden tatsächlich Fässer aufgemacht, Debatten angeregt und ausgefochten und Zusammenhänge hergestellt. Das Beste aber: Ich habe nicht einen Artikel im Word Magazine gelesen, der nach Promozwang klang. Ich hoffe, die beiden federführenden Macher des Blattes, David Hepworth und Mark Ellen (ehedem Moderator des Old Grey Whistle Test sowie der britischen Live-Aid-Veranstaltung), lassen bald andernorts wieder von sich hören.
Randnotiz: Mark Ellen wird in dem Robyn-Hitchcock-Song „Clean Steve“ genamecheckt: „I called up Mark Ellen, but he wasn’t really in / Instead I talked to his wife Claire about some gig she’d seen“. Allen hatte auch mal eine Band, in der Tony Blair Gitarre spielte. Das können gottlob nicht allzu viele Briten von sich behaupten.
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Wo schreiben Songwriter ihre Stücke?
Nun, da fasst man sich am besten vor der eigenen Haustür an die Nase. Beziehungsweise: dahinter. Ich habe mein der Welt noch vorzulegendes Werk daheim komponiert. Das machen wohl die meisten Musiker so. Keinesfalls jedoch alle. Nick Cave, so ist zu hören, hat ein Büro, das er allmorgendlich aufsucht, um dort während festgelegter Zeiten zu wirken. Ich fand diese Information zunächst irritierend, nahm ich doch an, der einstige Schmerzensmann wälzte sich stets vor jeder Komposition in eigens abgefackelter Höllenglut, aber nein, er hat tatsächlich ein Büro mit darin herumstehendem Flügel. Die Brill-Building-Komponisten haben ja auch in Büros gearbeitet – und, mon dieu, was haben die da zusammenkomponiert!
Michael Stipe, so erfuhr ich mal, muss immer gleich um die halbe Welt fliegen, um in Stimmung zu kommen. Das finde ich einigermaßen prätentiös.
Gestern nun erzählte mir Tom Liwa von den Flowerpornoes beiläufig beim Autofahren, dass er das schöne neue Stück „Chinese Inca“ in eben jenem Auto komponiert habe. Liwas Auto, das sei hier eingeschoben, ist eines von jenen Gefährten, die den Eindruck erwecken, der Fahrer verbrächte hier sein halbes Leben. Es ist ein bewohntes Auto. Und da Liwa zuletzt häufig eine Ukulele anstelle einer langhalsigen Gitarre zum Schreiben seiner Songs verwendete, lässt sich das Im-Auto-Komponieren sogar recht kommod bewerkstelligen. Wer weiß: Vielleicht bekomme ich ja zu Weihnachten soviel Zeit geschenkt, dass ich eine Compilation titels „Musik, die im Auto komponiert wurde“ zusammenstelle. Vielleicht mache ich aber auch etwas anderes mit der Zeit: eine Band mit Tony Blair gründen vielleicht. Oder das DVD-Boxset von „Ich heirate eine Familie“ gucken.
***
In der Galerie Lafayette in Paris springt mir ein großes Werbeplakat für ein Modelabel ins Auge, das einen gutaussehenden Mann in edlem Dreiteiler zeigt. „Nanü“, denke ich, „Rupert Everett wird zwar nicht älter, dafür aber immer bärtiger“. Erst beim zweiten Hinschauen erkenne ich, wer dort wirklich Klamottenwerbung macht: Es ist der Freak-Folk-Papagallo Devendra Banhart, der sich offenbar vom Musizieren aufs Modeln verlegt hat.
Sofort fällt mir wieder das Interview aus „Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“ ein, das ich vor fünf Jahren mit dem Mann führte und das selbst meine kurze Begegnung mit Helmut Berger an Seltsamkeit in den Schatten stellt. Banhart, der damals noch über einen wallenden Bart gebot, saß mir während des gesamten Gesprächs im Yoga-Sitz gegenüber. Er trug rote Samt-Ballerinas und stopfte sich unentwegt Kautabak in den Mund. Im Interview sagte er überlieferungswürdige Sachen wie die Folgende: „Es gibt in Indien Sadhus, asketisch lebende Hindu-Mönche, die ihren eigenen Dickdarm ausscheißen und im Fluss waschen können. Ich wiederum habe eine ähnliche Technik gelernt: Ich kann meinen Schwanz fast so weit in mich hineinziehen, dass er zu so etwas wie einem Bauchnabel wird. Wenn ich diese Technik anwende, ist das fast, als hätte ich eine Vagina. Ich kann also vom physischen Standpunkt her sowieso schon mal einer Frau sehr ähnlich werden. Das Maskulinste an mir ist dieser Bart hier, er ist das einzige Männliche, über das ich verfüge. Ich habe keine weibliche Seite – ich bin weiblich, und ich habe diesen Bart.“
Wenn da der Gender-Clown nicht im Achteck tanzt ...
***
Er hasse Western, verkündete der italienische Regisseur Sergio Corbucci („Django“) Ende der Sechziger auf dem Set seines Films „Il Grande Silenzio“ (deutscher Verleihtitel: „Leichen pflastern seinen Weg“). Aha, so so, was er denn als nächstes drehen wolle, beeilte sich sein Interviewer zu fragen. Corbucci dachte nicht lange nach: „Einen Western“.
„Il Grande Silenzio“, dieser unfassliche zynische Schneewestern mit einer der schönsten Musiken Ennio Morricones ist einer meiner ewigen Lieblingsfilme. Die Kölner Band Locas In Love lässt das Werk, in dem sich Jean-Luis Trintignant als stummer Held und Klaus Kinski als Bounty Killer gegenüberstehen, bei ihrem traditionellen Weihnachtskonzert im Kölner Stadtgarten auf den Bühnenhintergrund projizieren. Ich möchte es so sagen: Es gibt nicht viele Bands, die vor dem Hintergrund dieser Lawine von einem Film spielen können, ohne dass ich unentwegt auf den Film achte. Die Locas können es. An einigen Stellen kommt es zu schönen zufälligen Korrespondenzen zwischen Musik und Film, etwa wenn Björn Sonnenberg beim Song „Zum Beispiel ein Unfall“ erstmals die titelgebende Zeile singt und Klaus Kinski im Hintergrund Jean-Luis Trintignant just im selben Moment mit Schmackes aufs Maul haut. Als die Locas In Love einen ihrer schönsten Songs „Egal wie weit“ spielen, rotten sich im Filmschnee grad die Bösen und die Halbguten zum großen Showdown zusammen.
Erstaunlich übrigens, dass es den Locas gelingt, Text-Band und Noise-Band in einem zu sein. Was ein Problem darstellen könnte – der immer wieder in die bald kämpferischen, bald zermürbten Textgebilde hereinbrechende Krach – ist tatsächlich gerade das Tolle an der Band. Auch Björn Sonnenbergs Bühnenpersona – irgendwo zwischen verbindlichem Jung-Dozent und irrem Fuchtel-Prediger – ist überzeugend: Sollte sich der Mann eines Tages entschließen, eine Sekte zu gründen, werde ich ihm bereitwillig in wallendem Gewand hinterhertanzen.
Natürlich siegt am Ende von „Il Grande Silenzio“ das Böse. Der gemütslinke Corbucci konnte das im Jahr 1968 nicht anders inszenieren. „Leichen pflastern seinen Weg“ ist übrigens auch ein Lieblingsfilm Helge Schneiders, der gerade in Mülheim mit Rocko Schamoni dreht.
***
Eben ist es wieder passiert.
In der Absicht, mir das Weihnachtsalbum von Unheilig zum Wegwerfen zu kaufen, überquerte ich gerade den Platz vor meiner Stadtwohnung, als rüde Rabauken mich lauthals als „Hippie“ beschimpften. Noch bevor ich darlegen konnte, dass es sich zweifellos um ein Missverständnis handelte, hatten sie mir auch schon das Peace-Amulett weggenommen und einen Ärmel meines Paisley-Hemdes abgerissen. Gerade als sie mich zwingen wollten, meinen Kaftan aufzuessen, gelang es mir zu entkommen. Nun bin ich auf der Flucht. War ja klar, dass wieder etwas Blödes passiert. Sie hören von mir ...
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